Freitag, 29. Juni 2007

Mein Nachbar, das (unbekannte) Wesen

Da stiefelt einer meiner Nachbarn um halb ein Uhr nachts auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Soweit nichts besonderes. Jedenfalls nicht für mich, da ich gerade selber bei meinem Gute-Nacht-frische-Luft-schnappen auf meiner rostigen Balustrade saß. Nur gehe ich selten in Boxershorts und T-Shirt mit meinem Laptop auf den Balkon, setzte mich damit auf Bierkästen, um dann (für den Außenstehenden) wirre Selbstgespräche zu führen . Auszug gefällig? " [..] Scheiße - ich muss unbedingt fi****! Wie mach' ich das jetzt? Boah, so ein Mist! Was läuft da denn.... Ich muss das unbedingt fertig kriegen. [..] Schweine! [..]" Leider ging ein großer Teil des Monologes durch heftige Böen und/oder durch sein zeitweises geflüstertes Gebrabbel unter. Schade, denn ich habe nichts gegen eine moderne Shakespeareaufführung. Oder war es doch eher die Moderne mit klassischem Einschlag, die mir geboten wurde. Prägend für die Moderne waren der Sprachausdruck und das ostinate Auftauchen von Kernsätzen ( [..] "Scheiße, ich schaff' das!" [..] ), die auf einen melodramatischen, unsichtbaren Klimax hinarbeiteten. Klassisch empfand ich hingegen die tragikomische Figur und Schauspielleistung. An wen oder welches Stück hat mich das nur erinnert? Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass nach einer Weile der Konfusion, Irritation und Amüsements die Vorstellung ermüdend wurde (wie es leider manchmal bei klassisch-modernen Aufführungen der Fall sein kann) und ich die selbige vorzeitig abbrach, indem ich unbesehen und unbemerkt aus meiner Loge .. äh von meinem Balkon verschwand. Tja, keine Ausdauer und Sitzfleisch mehr für junge Dramaturgen.
Im Bett kam mir der Gedanke, dass ich meinem Nachbarn 'mal nahelegen sollte, mit einem Stück von Sophokles zu beginnen, bevor er dann "Die Physiker" von Dürrenmatt einstudiert. Aber nicht das ihr jetzt denkt, mein Nachbar sei krank. Er ist ..mmh.. höchstens seltsam.
In diesem Sinne - "Der beste Schauspieler ist man sich selbst." (Dr. M. Hinrich)
Oder - documenta XII. at its best - Kunst findet überall statt.

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